Klosternotizen Folge 1 - Ursula Wagner über Zeit, Entscheidungen und die Hetze des Alltags

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Gerade kehre ich von drei Wochen im Kloster zurück. Mitten im Berliner Norden, im Stadtkloster der Karmelitinnen habe ich mich drei Wochen lang eingerichtet, um zu entschleunigen und konzentriert an meiner Doktorarbeit zum Thema „Weisheit in Führung und Management“ zu arbeiten. Ich bin bei den Karmelitinnen regelmäßig schon seit 1996, dies jedoch war meine längste Zeit am Stück dort im Gästehaus.

Die Wirkung auf mich selbst war mindestens so wichtig, wie die 90 Seiten wissenschaftliche Arbeit, die ich in dieser Zeit produziert habe (inklusive statistischer Tabellen im Anhang). 

Was sich zuerst verändert hat, ist die Wahrnehmung von Zeit, sie wird präziser. Bis auf die Minute genau konnte ich plötzlich ohne Uhr die Zeit schätzen. Ich denke: es ist 20 nach 8, schaue auf die Uhr: 8:20. Das passierte mir immer öfter, mit Leichtigkeit.

Gleichzeitig vertieft sich im Kloster die Präsenz im Moment, die Zeit gewinnt an Tiefe und an Dichte. Klosterzeit zählt doppelt, habe ich schon bei einem meiner ersten Aufenthalte einmal gesagt. Wer mich kennt, weiß, dass ich gern auf den letzten Drücker komme oder auch kurz danach. Ganz präsent in der Zeit zu sein, hat mir geholfen, einfach rechtzeitig - in der Zeit - loszugehen und ohne Hetze anzukommen, zum Beispiel zu den Gebetszeiten um 07.00 Uhr, um 12.00 und um 18.00 Uhr. Ich habe meine Armbanduhr, die ich sonst fünf Minuten vorgestellt habe, damit ich im Alltag mit Blick auf die Uhr vor Schreck „rechtzeitig“ loshetze, wieder auf die genaue Zeit zurückgestellt. Ich brauche keinen Warnschuss mehr, keinen Selbstbetrug was die Zeit angeht. Wenn es „Zeit ist“, gehe ich los und lasse los, was mich bis dahin beschäftigt hat. Wenn die Glocken zur Gebetszeit läuten, ist es Zeit, loszugehen und das andere zu lassen. Auch die „wichtige“ wissenschaftliche Arbeit. Oder was immer gerade ansteht.

 Pünktlich zu sein, wurde mir wieder einmal bewusst, hat natürlich viel mit dem Thema „Entscheiden“ zu tun – und darin steckt das Wort „scheiden“. Wie der Volksmund schon weiß: „Scheiden tut weh“. Ich muss mich in diesem Moment des Aufbrechens von etwas verabschieden, das mir gerade sooo wichtig erscheint. Von einer Email, einem Rechnungsvorgang, einer Klientin und ihrem Anliegen, meinem Wunsch, jemandem behilflich zu sein, meiner Neugier und meinen vielen sozialen Kontakten. 

Als integraler Coach weiß ich, dass ich in meiner Persönlichkeit eine recht vielfältige aber wenig veränderbare Palette von Grundfarben der Persönlichkeit in dem Tuschkasten habe, mit dem ich die Bilder meines Lebens male. Ich weiß, dass meine Motivatoren (darstellbar im Reiss Profil), mich antreiben, neugierig zu sein, viel wissen zu wollen und mich gewissenhaft an mein Wort zu halten. Ich kenne meine Art zu entscheiden, mich spontan zu organisieren und unter Stress in Details zu versinken aus dem MBTI (Myers-Briggs-Typenindikator). Ich werde vom Typ her immer verführbarer sein als Andere, was die Zeit angeht, was die Anzahl der Dinge angeht, die ich mir vornehme. Aber ich kann mit den Farben, die mir das Leben gegeben hat die Bilder variieren, die ich male. Es muss nicht immer „Frau auf der Flucht“ sein.
Was meine Hetze, das Gefühl der Hetze oder das tatsächliche Hetzen angeht, bin ich also über das „scheiden“ sehr froh. Neue Gewohnheiten brauchen mindestens 21 Tage, um sich zu festigen, das wissen wir aus der Neuropsychologie und den Verhaltenswissenschaften. Dazu ist ein längerer Klosteraufenthalt wirklich ideal. Ansonsten braucht es da eben wirklich den Coach, der uns unterstützt, unsere Commitments zu verfolgen und durch zu halten. Das ist einer der Werte eines Coachingprozesses, der mehr ist, als eine Aneinanderreihung von „netten Stunden“.

Bis jetzt habe ich es in meinen Alltag mitnehmen können, dieses Zeitgefühl des Jetzt, diese leichte Präzision. Natürlich erlebe ich auch das „alte Hetzen“ immer mal wieder. Der Alltag bietet andere Herausforderungen und Verführungen als das geschützte Klosterleben. Aber ich kann jetzt mit mehr Gelassenheit draufschauen. Und zurückkehren. Zum Gefühl der Leichtigkeit. Zur Relativität des eigenen Tuns. Zum Zentrum dessen, was jetzt wirklich wichtig ist. 

12.00 Uhr, die Glocken läuten und sagen mir: Jetzt ist es Zeit, loszugehen, anzukommen in der Gebeteszeit des Klosters, im Psalmengesang, auszuspannen von den Anforderungen des Alltags. Um dann wieder anzukommen und zu sagen: so, wo steht das Klavier?!
Es gibt sprübar einen Zusammenhang zwischen der Ruhe im Kloster und einer effektiven Arbeit, zwischen innerlichem Auftanken und äußerlicher Schaffenskraft. Zwischen Muße und Lust am Schaffen.

In den nächsten Klosternotizen schreibe ich neben meinen ganz persönlichen Einsichten auch, was ich wissenschaftlich herausgefunden habe über den Zusammenhang zwischen der Lebenspraxis von Führungskräften und ihrem Führungserfolg. Es zeigt sich, dass die persönliche Lebenspraxis eindeutige Effekte zeigt auf die Fähigkeit, nachhaltig zu führen und als Vorbild zu wirken in Fragen von Ethik und Compliance. Statistisch überprüft!